Das schwache Geschlecht


[Jetzt.de, 11.02.2009]

Eine Studie zeigt, dass es Mädchen in der Schule besser haben als Jungs.
Die Jungen gehören zu den Sorgenkindern des deutschen Bildungssystems. Zwar haben in der Berufswelt immer noch die Männer das Sagen, aber in der Schule schneiden die Jungs deutlich schlechter ab als die Mädchen. Spätestens seit der Pisa-Studie jammern alle, dass die Schüler mehr Unterstützung brauchen - am besten von männlichen Erziehern und Lehrern. "Bildung braucht mehr Männer" lauten die neuen Slogans der Schulpolitiker. Doch eine neue Studie nährt Zweifel, ob männliche Pädagogen wirklich mehr Gerechtigkeit in die Klassenzimmer bringen werden.


Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) befragte 8000 Viertklässler in bundesweit 480 Klassen und kommt zu einem überraschendem Ergebnis. Zwar bestätigt die Untersuchung, dass Lehrerinnen Jungen tendenziell benachteiligen. Offenbar können es ihre männlichen Kollegen aber nicht besser - ganz im Gegenteil: Klassenlehrer werden von Jungen als noch ungerechter empfunden. Zudem geben sie ihren Schülern offenbar weniger Wärme, Zuneigung und Anerkennung als ihre weiblichen Kollegen. KFN-Leiter Christian Pfeiffer hält es durchaus für möglich, dass dies auch Auswirkungen auf die Leistungen der Schüler haben könnte.

Ein Kind hat heute gute Aussichten, bis zum Ende der Grundschule keinen männlichen Erzieher und Pädagogen zu erleben. Weniger als fünf Prozent des Personals in Kindergärten sind Männer, in der Grundschule gibt es nur 13 Prozent männliche Lehrer. Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann vermutet, dass Jungen dadurch benachteiligt sind. Heute ziele die Pädagogik auf Verständigung, Harmonie und Frieden ab, argumentiert er. Die körperlich aktiveren und risikobereiteren Jungen gingen da schnell auf die Nerven. Männer hätten eine direkte Art, mit Kindern zu kommunizieren. Das tue gerade den Jungen gut.
"Mehr Männer in die Grundschulen zu holen, wird nichts helfen", warnt dagegen Christian Pfeiffer. Nach seinen Ergebnissen müsse man sogar befürchten, dass dann das Bildungssystem noch mehr Ungerechtigkeiten für Jungen produziere. Pfeiffer hält es für notwendig, dass alle Pädagogen, egal welchen Geschlechts, mehr Sensibilität für Jungen entwickeln und stärker auf sie zugehen. Offenbar würden Jungen von Frauen wie Männern vernachlässigt: in der Annahme, sie hätten als das "starke" und lange dominierende Geschlecht keine besondere Aufmerksamkeit nötig und würden sich schon durchsetzen.

Dass Jungen mehr Probleme in der Schule haben, zeigen die Statistiken. Seit Jahren sind sie überproportional stark vertreten unter Sitzenbleibern, Sonderschülern und Schulverweigerern. Während gut 36 Prozent der Mädchen die Hochschulreife erreichen, sind es nur 28 Prozent der Jungen.

Viel mehr Männer sollten Erzieher werden


[Badische Zeitung, Freitag, 06. Februar 2009]

OFFENBURG.

Das Tagesseminar ist ausgefallen. Gerade einmal zwei Männer hatten sich angemeldet, um sich mit Björn Süfke auf die Reise ins Land der Gefühle zu begeben. Dietmar Krieger war entsprechend nervös. Wird wenigstens der Vortrag des Referenten am Abend zuvor auf Resonanz stoßen? Der Veranstalter der "Lebenswege"-Reihe konnte durchatmen: Der Schillersaal war am Freitag gut besucht, als der Diplom-Psychologe Süfke aus Bielefeld seine Ansichten zum Thema "Männerseelen" kundtat. Das Publikum war gemischt, die Frauenquote lag bei knapp über 50 Prozent: Das Kommen dürfte sich für Angehörige beider Geschlechter gelohnt haben.Auf sympathisch selbstironische Weise schilderte der 36-jährige, wie er das "letzte Abenteuer der Männlichkeit" nach anfänglich cool überspieltem Muffensausen bestanden hatte: Vier Tage allein mit dem 16 Monate alten Sohn Jonathan – und das, obwohl er sich als Vater erst im zweiten Ausbildungsjahr befand. Die Zeit ging vorbei, das Experiment gelang, stolz habe er feststellen dürfen, dass er nicht nur ein Kind zeugen, sondern es auch eigenständig am Leben erhalten könne.Männer gelten als "vollkommene Gefühlsidioten" und "emotionale Analphabeten". Allerdings handelt es sich hier um ein sehr ambivalentes Phänomen, wie Süfke überzeugend darlegte: Denn der Angst vor eigenen Gefühlen stehe die Sehnsucht nach ihnen gegenüber. Die Entfremdung von der eigenen Innenwelt habe mit den Männlichkeitsbilder der Gesellschaft zu tun, mit unzureichendem Entgegenkommen der Umwelt (Mädchen werden eher getröstet als Jungen), vor allem aber mit dem Fehlen männlicher Identifikationsfiguren in der Kindheit: Es gibt keine Erzieher, kaum Grundschullehrer – und viele Väter sind bis heute wenig präsent. Die von Frauen umgebenen Jungen wüssten sehr früh, dass sie anders seien und würden menschliche Regungen als "typisch weiblich" abwehren und abwerten. Was ihnen fehle, seien positiv besetzte Einfühlungsmöglichkeiten. Daher lautet ein Credo des Referenten: Mehr Männer in die frühkindliche Erziehung von Junge.

"Einfach mal an einer viel zu kleinen Parklücke vorbeifahren"Gefühle als Handlungsempfehlungen spielten in der männlichen Lebenswelt eine geringe Rolle, woraus eine gewisse Hilflosigkeit resultiert, die aber erneut abgewertet wird. "Was wir am meisten fürchten ist das, wonach wir uns am meisten sehnen." Depressionen können die Folge sein: "Man funktioniert äußerlich tadellos, aber im Innern herrscht eine emotionale Leere." Doch es gibt durchaus Wege, aus diesem tradierten Verhaltensmuster herauszukommen. Innere Einkehr und Gespräche mit anderen Männern seien hilfreich, so der Experte: Zunächst einmal müsse es darum gehen, sich selbst urteilsfrei gegenüberzutreten und die eigene Beziehungsfähigkeit zu betrachten. Konzepte wie "Ich bin der Größte" oder "Männer sind Helden" müssten als haltlos entlarvt werden, um der Sehnsucht nach anderen Lebensbewältigungsmodellen Raum geben zu können. Daraus entstünden ganz automatisch Handlungsimpulse, zeigte sich Süfke überzeugt: Und im Umsetzen dieser Eingebungen seien Männer unschlagbar. Wer sich nicht ständig etwas beweisen müsse, wer auch "einfach mal an einer viel zu kleinen Parklücke vorbeifahren" könne, würde ein glücklicheres Leben führen. Die Kunst bestehe darin, in den eigenen Teich zu blicken, sich dabei nicht vom Spiegelbild der Oberfläche beirren zu lassen, sondern in die Tiefe zu schauen, in die heimliche, die unheimliche Innenwelt – und am Ende die Erkenntnis zu gewinnen: Dort unten in uns drin, lauert nicht der Feind.

Bedingt integrationsfähig


[30.01.2009]

Ein gutes Bildungssystem und Hilfen für Eltern sind die Voraussetzung erfolgreicher Migrationsbiografien


Von Jürgen Amendt

Eine neue Studie zur Lebenssituation von Einwanderern in Deutschland hat Anfang der Woche die Debatte über die Integrationspolitik wieder aufleben lassen. Während einige Kommentatoren den mangelnden Integrationswillen gerade der türkischstämmigen Migranten beklagten, wiesen Migrantenvertreter und selbst Politiker der Union auf Defizite im Bildungsbereich hin.

Der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen, Bülent Arslan, fand deutliche Worte zur jüngsten Migrationsstudie. Bis Ende der 1990er Jahre sei die deutsche Politik beim Thema Integration mehr oder weniger untätig gewesen, sagte der
Politiker der Tageszeitung »Die Welt«. Dabei sei doch klar gewesen, dass gerade in der türkischen Gemeinde in Deutschland die Zahl derer, die mit niedrigstem Bildungsstand eingewandert seien, recht hoch sei. Statt als Ärzte, Rechtsanwälte oder Facharbeiter standen die meisten hinterm Fließband oder haben sich ihre Brötchen mit dem eigenen Gemüseladen verdient. Ihre Kinder tun es ihnen oftmals gleich. Dies aber nicht nur deshalb, weil ihnen positive Vorbilder im engeren sozialen Umfeld fehlen, sondern weil sie als Hilfsarbeiter mehr Geld in der Tasche haben als als Lehrlinge oder Bafög-Empfänger. Im Vergleich zu deutschen Schulabgängern verdienen die Kinder der Eingewanderten zunächst pro Jahr im Schnitt 2100 Euro mehr, hat die Migrationsforscherin Heike Diefenbach nachgerechnet. Kurzfristig lohnt sich für die Jungtürken also ein höherer Bildungsabschluss nicht.

Hilfen für Familien statt Zwang und Strafe

Ülker Radzwill von der Berliner SPD hält daher nichts von populistischen Forderungen nach mehr Härte gegenüber Migranteneltern, die sich nicht oder nur kaum um schulische Belange ihrer Kinder kümmern. Die Schulen müssten mehr Kontakte zu den Eltern knüpfen und sie ins schulische Leben einbinden, forderte die in der Türkei geborene Politikerin, die für ihre Partei im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. »Die meisten Eltern der Migrantenkinder sind doch durch dasselbe Schulsystem gegangen – in dem sie versagt und zu dem sie kein Vertrauen haben.« Von ihnen könne man nicht automatisch erwarten, dass sie zu Elternabenden kämen oder auf andere Weise am Schulleben ihrer Kinder teilnehmen. »Da hilft kein Druck, da hilft nur mehr Familienhilfe.«
»Wir Lehrer brauchen in der Tat mehr Unterstützung«, meint auch Michaela Ghazi von der Johannes-Lindhorst-Schule in Berlin-Reinickendorf: Schulsozialarbeiter, aber auch »kulturelle und sprachliche Dolmetscher« für den Kontakt zu den Eltern seien notwendig, um etwas gegen Segregationstendenzen vor allem innerhalb der türkischen Community zu unternehmen.


An der Heinrich-Zille-Grundschule im Berliner Stadtteil Kreuzberg wird seit Jahren vorgemacht, wie Integrationsarbeit funktionieren kann. Ein Instrument ist das sogenannte Elterncafé. Hier organisieren die örtliche Erziehungsberatungsstelle und der »Arbeitskreis Neue Erziehung« Workshops zu Erziehungs- und Bildungsfragen. Das Angebot sei eine gute Möglichkeit, um der Entstehung von Parallelgesellschaften entgegenzuwirken, meint Schulleiterin Inge Hirschmann. Rund 50 Prozent beträgt der Anteil der Einwandererkinder an der Schule, die überwiegende Mehrheit davon stammt aus türkischen Familien. Da die Schule auf reformpädagogische Konzepte setzt, hat sie aber keine Probleme mit der Abwanderung von Schülern aus bildungsnahen Familien, sie wird mittlerweile sogar gezielt von diesen für ihre Kinder ausgewählt.

Die Bedeutung einer guten Elternarbeit an den Schulen für die Integration von Migranten betont auch Altun Icöz. Im Auftrag des Berliner Jugendhilfeträgers Jugendwohnen im Kiez ist sie als Schulsozialarbeiterin im Stadtteil Neukölln tätig und arbeitet als sogenannte Interkulturelle Moderatorin u.a. an der Rütli-Oberschule und der benachbarten Heinrich-Heine-Oberschule. Mehr als 80 Prozent der Schüler an den beiden Schulen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Doch während die Heinrich-Heine-Schule als Realschule mit dem mittleren Schulabschluss ein lohnenswertes Ziel bietet, heißt die Perspektive nach der Rütli-Schule oftmals: Keine Lehrstelle, Warteschleifen in der beruflichen Bildung, schließlich Arbeitslosigkeit.

Altun Icöz kam vor rund zwei Jahren an die Rütli-Schule, nachdem das Lehrerkollegium dort in einem Brandbrief auf die miserablen Zustände an seiner Schule aufmerksam gemacht hatte. Icöz hat in dieser Zeit eine interessante Beobachtung gemacht: Das Engagement der Eltern für die Schulkarriere ihrer Kinder hängt vom Schultyp ab. »Gehen die Kinder auf die Realschule, steigt das Interesse der Eltern, gehen die Kinder auf die Hauptschule, lässt das elterliche Engagement nach.« An der Hauptschule aber finden sich mittlerweile die meisten jungen Deutschtürken in der Hauptstadt wieder.


Zu wenig positive männliche Vorbilder

Es sei allerdings nicht so, dass die Eltern der Jugendlichen grundsätzlich kein Interesse an der Schulbildung ihrer Kinder hätten, widerspricht Altun Icöz einem weit verbreiteten Vorurteil. »Viele türkischstämmige Eltern sind sogar übermotiviert, die wollen, dass ihre Kinder studieren«, erzählt die Sozialarbeiterin. »Die verstehen das deutsche Schulsystem gar nicht«, erklärt Icöz diesen offensichtlichen Widerspruch zwischen Schulkarriere der Kinder und den Zielen ihrer Eltern. »In der Türkei gibt es diese frühe Selektion auf verschiedene Schulformen nicht. Wer will, kann nach der 12. Klasse sein Abitur ablegen und sich danach an einem Aufnahmetest einer Universität versuchen.« Diesen Eltern müsse sie erst einmal ein realistisches Schulziel für ihre Kinder vermitteln.

Ein weiteres Problem bei der Integration gerade von türkischstämmigen männlichen Kindern und Jugendlichen offenbart sich in der Geschlechterfrage. »Vom Kindergarten an sind die Jungs mit Frauen als Bezugspersonen in der Erziehung umgeben; in der Kita ist es die Erzieherin, in der Grundschule die Lehrerin«, sagt Michaela Ghazi. Selbst an den Hauptschulen sei der Männeranteil in den Lehrerkollegien gering. »Wir brauchen dringend männliche Lehrkräfte, die den Jungen ein positives Vorbild sein können«, fordert die Reinickendorfer Lehrerin. Zuhause wachsen die jungen Deutschtürken oftmals in Verhältnissen auf, in denen die Väter bestimmen, in der Schule aber sollen sie auf Frauen hören. Hinzu kommt, so schildern Sozialarbeiter wie Lehrer die Situation, dass auch Migrantenfamilien immer weniger intakt sind; in vielen Familien hat sich der Erzeuger der Kinder entweder aus dem Staub gemacht oder geht seinen Geschäften nach und lässt sich nur gelegentlich in den häuslichen vier Wänden blicken. Am Besten wäre es natürlich, es gäbe genügend pädagogischen Nachwuchs aus der türkischen Community. Doch daran mangelt es auch deshalb, weil von den wenigen Türkischstämmigen, die bis zum Studium gelangen, nur eine Minderheit sich für den Lehrerberuf entscheidet.

Der Jugendforscher Christian Pfeiffer weist aus diesem Grund auf den Anteil des dreigliedrigen Schulsystems an den Integrationsdefiziten bei der türkischen Migrantengemeinde hin. In seiner jüngsten Studie stellt er fest, dass der Anteil der jugendlichen Türken an den Gewalttätern in Hannover zwischen 1998 und 2005 von 15 auf sieben Prozent gesunken ist, während im gleichen Zeitraum die Quote von türkischen jugendlichen Mehrfachtätern in München von sechs auf zwölf Prozent stieg. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts macht dafür vor allem die unterschiedliche Bildungspolitik in Niedersachsen und Bayern verantwortlich. In Hannover besuchten mittlerweile 52 Prozent der 15-jährigen Türkischstämmigen eine Realschule und statt früher acht gingen jetzt 15 Prozent eines Jahrgangs auf ein Gymnasium. In München dagegen sank der Anteil der jungen Deutschtürken, die den Sprung aufs Gymnasium schaffen, in den letzten zehn Jahren von 18 auf 12,6 Prozent.

In der Realschule, vor allem aber auf dem Gymnasium, sei die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft deutlich günstiger, erklärt Pfeiffer den Zusammenhang von Kriminalitätsentwicklung und Schulkarriere. »Damit sind die Schüler auch positiveren sozialen Einflüssen ausgesetzt. Sie glauben ganz überwiegend an den schönen Satz ›Jeder ist seines Glückes Schmied‹ und verhalten sich dann entsprechend«, hat der frühere niedersächsische Justizminister in seiner Studie herausgefunden.

Türkische Mittelschicht verlässt den Kiez

Damit sich die durch die Schulen entstandenen sozialen Netzwerke, wie Pfeiffer sie nennt, positiv auf die Integration von Minderheiten auswirken können, bedarf es aber eines anderen Verhaltens der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Die Leiterin der reformpädagogisch orientierten Peter-Petersen-Grundschule in Neukölln, Hildegard Greif-Groß, ist immer wieder mit deutschen Eltern konfrontiert, die ihre Kinder vor der sozialen Mischung an einer normalen Stadtteilschule fernhalten wollen. »Diese Eltern erzählen mir, dass sie ihr Kind bei uns und an der benachbarten evangelischen Grundschule angemeldet haben. Diese arbeitet aber nach einem traditionellen Konzept, unterscheidet sich also von unserer Jenaplan-Schule grundlegend. Im Gespräch wird dann schnell klar, dass es den Eltern nicht um die gute Pädagogik oder bessere Förderung ihres Kindes geht, die wollen nur nicht ihr Kind in eine übliche Stadtteilschule mit mehr als 80 Prozent Migrantenanteil geben.«

Der Bezirksbürgermeister Neuköllns, Heinz Buschkowsky (SPD), beobachtet diese Entwicklung schon seit Langem. Seit Jahren stimmten große Teile der Mittelschichten mit dem Möbelwagen ab und zögen weg, sagt er. Mit der Flucht gerade junger Familien verlasse aber soziale Kompetenz den Bezirk, was sich wiederum negativ auf die Attraktivität der Wohnviertel auswirke. Ein Teufelskreis, in den mittlerweile auch bildungsorientierte Migranten geraten sind, die den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft haben oder aus ihr kommen. »Sie telefonieren vor der Einschulung ihrer Kinder die Schulen ab und erkundigen sich nach dem Ausländeranteil.« Wenn der zu hoch ist, wollen sich diese Migranten nicht mehr auf das »Abenteuer Integration« einlassen.

Integrationsstudie

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung beleuchtet die Erfolge verschiedener Migrantengruppen bei der Integration in Deutschland. Defizite bei der Eingliederung in die Gesellschaft attestieren die Autoren dabei vor allem bei den türkischstämmigen Einwanderern. In dieser Gruppe haben 30 Prozent keinen Schulabschluss, viele gehen ungelernten Tätigkeiten nach. Bedenklich ist vor allem die Tatsache, dass sich diese Werte in der zweiten Generation kaum verbessern. Kritiker der Studie wie der Islamwissenschaftler Bekir Alboga bezweifeln dagegen die Aussage der Studie, wonach Deutsch-Türken schlechter als andere Migrantengruppen integriert seien. In Deutschland lebten mittlerweile viele erfolgreiche türkische oder türkischstämmige Unternehmer, Mediziner, Schauspieler, Autoren und Journalisten, erklärte der Dialogbeauftragte des Moscheen-Dachverbandes DITIB. ND

Ohne Jungen lernen Mädchen in der Schule entspannter


[Handelsblatt, I-2009]

Wirtschaft, Politik und Wissenschaft streiten über getrennten Unterricht

Wenn die Pause an der Frankfurter Kerschensteinerschule vorbei ist, gehen Mädchen und Jungen eigene Wege. Die Schüler der neunten und zehnten Klasse pauken getrennt für ihre Haupt- und Realschulabschlüsse. Um die Leistung in beiden Gruppen deutlich zu verbessern, hatte sich das Kollegium vor drei Jahren zu diesem Modellversuch entschlossen.


"Das Lernklima ist leistungsfördernder, weil beide Gruppen nicht mehr so viel Energie darauf verwenden müssen, sich abzugrenzen", lautet eine erste Bilanz von Schulleiterin Sabine Bartsch. Die Jungs seien wesentlich motivierter, die Mädchen entspannter. "Bei den Schülerinnen erhoffen wir uns darüber hinaus eine Stärkung des Selbstwertgefühls", sagt Bartsch. Die Suche nach solchen Konzepten ist aktueller denn je.


Erst kürzlich warb Bundesbildungsministerin Annette Schavan wieder für einen getrennten Unterricht von Jungen und Mädchen. "In einzelnen Fächern und bestimmten Altersstufen kann getrennter Unterricht durchaus sinnvoll sein", sagte Schavan. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass im Bereich der Naturwissenschaften oder der Sprachen es n
icht immer gelingt, Jungen und Mädchen in gleicher Weise anzusprechen."


Ganz so pauschal wollen dagegen weder Wirtschaftsvertreter noch Wissenschaftler diese These stehen lassen. "Jungen und Mädchen müssen differenziert unterrichtet werden, dazu müssen sie aber nicht unbedingt getrennt werden", sagt Astrid Kaiser, Pädagogikprofessorin an der Universität Oldenburg. Ein strikt monoedukativer Unterricht verstärke die Differenz zwischen Jungen und Mädchen und führe dazu, das sich geschlechterspezifische Rollenmuster verbreiten und verfestigen.


"Kinder und Jugendliche müssen die eigenen Grenzen kennenlernen und sich mit dem anderen Geschlecht auseinandersetzen", meint auch Berit Heintz, bildungspolitische Sprecherin des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Es bringe nichts, Jungen und Mädchen in Schutzräumen zu unterrichten - die gebe es in der späteren Arbeitswelt auch nicht.


Die Diskussion über getrennten Unterricht ist nicht neu. Bereits in den 90er-Jahren wurde die Koedukation auf den Prüfstand gestellt. In wissenschaftlich begleiteten Modellversuchen wurden Kinder und Jugendliche stundenweise getrennt unterrichtet. In Kiel etwa durften Jungen und Mädchen jeweils für sich Physik büffeln. In Oldenburg standen an Grundschulen einmal pro Woche Jungen- und Mädchenstunden auf dem Stundenplan. Inhalte waren vor allem soziales Lernen und geschlechterspezifische Alltagsprobleme.


"Es hat sich gezeigt, dass eine Trennung sinnvoll ist, wenn es um die Identitätsfindung beider Gruppen geht", sagt Anne Jenter, Leiterin des Arbeitsbereichs Frauenpolitik im Lehrerverband GEW. Sind Jungen und Mädchen unter sich, könne über stereotypes Argumentieren und Verhalten leichter reflektiert werden. Daher sei mehr Raum, eigene individuelle Neigungen unabhängig vom tradierten Rollenverständnis zu erkennen und zu fördern. Sind diese Voraussetzungen aber geschaffen, ist eine weitere Trennung eher von Nachteil, ist Professorin Kaiser überzeugt: "Beide Geschlechter müssen im Alltag miteinander klarkommen und daher lernen, mit den Unterschieden umzugehen."
Wichtig sei jedoch, dass Lehrer auch im gemeinsamen Unterricht auf die unterschiedlichen lernpsychologischen Voraussetzungen und Arbeitsweisen von Jungen und Mädchen eingehen und entsprechende Lernangebote machen. Der Unterricht werde automatisch besser und steigere die Lernmotivation, sagt die Professorin.


Zudem erhöht ein geschlechtersensibler Unterricht die Berufschancen, sagt GEW-Expertin Jenter: "Wenn im Klassenzimmer Rollenbilder infrage gestellt werden, ist es für Mädchen leichter, den Zugang zu klassischen Männerberufen zu finden und umgekehrt." Das wiederum käme auch Politikern und Arbeitgebern entgegen. In Zeiten des Fachkräftemangels wollen sie verstärkt Mädchen - etwa über Aktionen wie den Girls Day - für technische und techniknahe Berufe begeistern.


MELANIE RÜBARTSCH

Boy Problems


Peg Tyre is a staff writer for Newsweek and the mother of two school-age boys. In 2006, she wrote a cover story for Newsweek with the headline “The Boy Crisis,” which profiled a group of boys—all struggling readers—at an elementary school in Colorado. She found that while most people were still focused on the challenges of girls, as she had been for many years, boys were falling far behind in literacy, classroom achievement, and college enrollment, among others areas. The story became a topic of heated debate, met with accolades from concerned mothers of sons and criticism from feminist academics.

Tyre has since expanded her look at the issue in a recently published book, The Trouble With Boys: A Surprising Report Card on Our Sons, Their Problems at School, and What Parents and Educators Must Do. The book, based on interviews with hundreds of boys and their families, as well as gender-gap experts, details the problems boys are facing in school and argues for a new, boy-focused “gender revolution.”

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Die unterschwellige Benachteiligung von Jungen

[Volksstimme, 30.12.2008]

Von Philipp Hoffmann

Erziehung ist Frauensache, lautet eine (nicht nur) in Deutschland verbreitete Ansicht. Darum bleibt sie auch weitgehend den Frauen überlassen, ob im Elternhaus, dem Kindergarten oder der Grundschule. Jungen mit alleinerziehenden Müttern begegnen im Extremfall erstmals in der weiterführenden Schule regelmäßig Männern.

Der Mangel an männlichen Bezugspersonen muss sich zwar nicht zwangsläufig negativ auswirken. Allerdings legt eine ganze Reihe statistischer Werte die Vermutung nahe, dass Jungen im deutschen Bildungssystem zu kurz kommen: Mehr Jungen als Mädchen landen auf Förderschulen, weniger Jungen schaffen es auf ein Gymnasium und auf eine Hochschule. Jungen bleiben häufger sitzen und häufger ohne Abschluss. Auch außerhalb der Schule führen sie einschlägige Statistiken an, zum Beispiel die der Arbeitslosen unter 25 Jahren oder die der jugendlichen Straftäter.

Seit auch noch Schulstudien wie IGLU und PISA teilweise deutliche Leistungsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schülern ausmachten, wird vielfach von "Jungen als Bildungsverlierern" gesprochen. Diesem Thema widmete sich nun auch Jürgen Budde vom Zentrum für Schul- und Bildungsforschung der Universität Halle im Rahmen einer Vortragsreihe zu Geschlechterfragen in der Schule. Budde forscht seit Jahren über Jungen und Männlichkeit und hat darüber seine Doktorarbeit geschrieben.

Wie der Wissenschaftler unter anderem bei eigenen Studien feststellte, ist die Benachteiligung von Jungen oft unterschwellig. Budde berichtete von einer Situation in einer österreichischen Schule, die sich eigentlich bewusst mit Geschlechterfragen auseinandersetzt. Eine Lehrerin fragte Fünftklässler nach ihren Vorsätzen für das neue Jahr. Vorhaben der Mädchen wie " putzen helfen " lobte sie ausdrücklich, während sie Wünsche der Jungen wie " mehr Fußball spielen " unkommentiert ließ oder ihren Sinn in Frage stellte.

Budde interpretiert das so: " Bei Jungen wird eher störendes Verhalten erwartet als bei Mädchen. Beiträge der Jungen werden daher eher als störend ausgelegt. " Das Gesamtbild von Jungen sei durch das Verhalten einiger weniger geprägt. Demgegenüber irritierten zurückhaltende, leise Jungen die Lehrer: " Sie werden leicht übersehen. " Der Bildungsforscher spricht sich für mehr Rücksicht auf spezifsches Rollen- und Lernverhalten von Jungen aus. Beispielsweise sollten typische Lernorte der Jungen wie Computer stärker anerkannt werden. Auch die Didaktik in Fächern, in denen Jungen traditionell Probleme haben, etwa den Sprachen, müsse jungengerecht umgestellt werden. So könnten beim Lesen – in IGLU und PISA als Defizitbereich der Jungen identifziert – Texte stärker auf männliche Interessen abgestellt werden, etwa Abenteuergeschichten.

Angesichts typischer "Geschlechterterritorien" in Schulen sprechen sich immer mehr Fachleute für zeitweilig getrennten Unterricht von Jungen und Mädchen aus. Etwa in den Naturwissenschaften könne so besser auf die unterschiedlichen Lernstrategien eingegangen werden. Ob es auch einen direkten Zusammenhang zwischen dem Mangel an männlichen Erziehern und Grundschullehrern und dem Bildungserfolg von Jungen gibt, ist umstritten. Außer Frage steht, dass Jungen sich durch männliche Präsenz zu anderen Aktivitäten anregen lassen – sie toben sich gern einfach mal richtig aus.