Männliche Lehrer gesucht


[Wien.orf.at, 20.03.2009]
 
In den Volksschulen unterrichten zehnmal mehr Frauen als Männer. Auch in den Hauptschulen gibt es deutlich mehr Lehrerinnen. Die Pädagogische Hochschule Wien will das nun ändern und mehr Männer in die Klassen holen.
 
Ausstellung soll Männerberufe hinterfragen


In den heimischen Volksshulen gibt es rund 4.000 Lehrinnen, aber nur nur 400 männliche Kollegen. Auch an den Hauptschulen sieht die Situation ähnlich aus, dort ist das Verhältnis Frauen-Männer 70 zu 30.

In der Pädagogischen Hochschule in Favoriten hätte man gerne mehr männliche Anwärter auf den Lehrerberuf. Aus diesem Grund ist dort eine Ausstellung eröffnet worden, die das Interesse von Männern für den Lehrerberuf wecken soll. In dieser werden klassische Männerberufe thematisiert und hinterfragt.
Für die Entwicklung der Schüler wäre es wichtig, dass sie von Erwachsenen Vorbildpersönlichkeiten beiderlei Geschlechts unterrichtet werden, ist Dagmar Hackl, Rektorin an der Pädagogischen Hochschule, überzeugt.

"Nicht so gut bezahlt und prestigeträchtig"

Derzeit studieren fünf mal mehr Frauen als Männer an der Hochschule. Dass es so wenige Männer sind, habe auch mit wirtschaftlichen Erwägungen zu tun, glauben viele.

"Das Volksschullehramt ist leider nicht so gut bezahlt und auch nicht so prestigeträchtig", meint Jens-Frederik Maier, der die Ausbildung zum Volksschullehrer absolviert. "Es ist ein atypischer männlicher Beruf", ergänzt seine Mitstudentin Barbara Murth.

Die Pädagogische Hochschule schließt man nach frühestens sechs Semestern mit dem Bakkalaureat ab und kann sich danach um eine Stelle als Pflichtschullehrer an einer Volks-, Haupt- oder Sonderschule bewerben. Die Voranmeldung für das Wintersemester 2009/10 läuft jedenfalls.

Die Tat eines Frauenhassers


[Welt Online, 16. März 2009]

Von Alice Schwarzer


Jungen brauchen nicht mehr männliche, sondern mehr menschliche Vorbilder

Im "Emma"-Online-Forum begann die Debatte bereits wenige Stunden nach dem Massaker. "Warum sind Amokläufer fast ausschließlich männlich?", fragt die Unternehmerin Susanne Weimann (alias "Ms Brainshaker"). Und Schauspieler Gerd Buurmann aus Köln klagt: "Mich macht es fuchsteufelswild, wenn ich höre, der Amokläufer hätte wahllos um sich geschossen. Er hat gezielt in die Köpfe von Mädchen geschossen. Das ist alles, aber nicht wahllos. Wieso wird das nicht deutlich gesagt?"

Die Polizei sagte es auf ihrer ersten Pressekonferenz am 11. März noch unmissverständlich: "Auffällig ist, dass es sich bei den Opfern vor allem um Mädchen handelte." In der Tat: Von insgesamt 19 Opfern in der Schule - von denen zwölf tot sind und sieben verletzt - sind 18 weiblich, also 95 Prozent.

Der Amokläufer war keineswegs wahllos, er hat seine Opfer durch gezielte Kopfschüsse regelrecht hingerichtet. Tim K. erschoss drei Lehrerinnen und acht Schülerinnen, sieben weitere überlebten. Nur einer der Toten in der Schule war männlich: ein Junge albanischer Herkunft. Erst außerhalb der Schule hat er dann auf der Flucht wahllos um sich geballert und dabei auch noch drei zufällig anwesende Männer getötet.

Damit ist das Drama in der schwäbischen Kleinstadt Winnenden das erste Massaker mit dem Motiv Frauenhass in Deutschland - und das zweite weltweit in einem Nicht-Kriegsland.

Doch welche Schlüsse werden daraus gezogen? Die ARD-Nachrichten sprachen am zweiten Tag von "drei Lehrern und neun Schülern", die getötet worden seien. Und die politischen TV-Magazine problematisierten am Abend danach zwar den privaten Waffenbesitz oder den jugendlichen Internetkonsum. Zu Recht. Doch dieser zentralste, offensichtlichste Aspekt - der Frauenhass - kam mit keinem Wort mehr vor.

Der 17-Jährige kommt aus einem wohlsituierten Elternhaus, der Vater ist Unternehmer. Tim K. galt als verklemmt und war ein schlechter Schüler, hatte im vergangenen Jahr jedoch den Realschulabschluss geschafft und besuchte anschließend ein Berufskolleg. Tim K. soll sich früher von einer Lehrerin "gemobbt" gefühlt haben: "Er hat sie regelrecht gehasst, wie Frauen allgemein", so ein Nachbar der Familie zur "Bild"-Zeitung. Am Tag darauf, am 13. März, sagte Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der FU Berlin: "Die Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem." Und er wusste auch schon, warum: "Vor allem die Tatsache, dass Jungen schon in der Grundschule meistens von Lehrerinnen unterrichtet werden, verhindert, dass sie eine männliche Identität ausbilden können."

Eine "männliche Identität" - was ist das? Wohin in der Tat die Verunsicherung eines Mannes führen kann, das hatte am 6. Dezember 1989 in Kanada Marc Lépine gezeigt. Der 25-Jährige stürmte einen Unterrichtsraum der Montrealer Ecole Polytechnique mit dem Ruf: "Ich will die Frauen!" Sodann erschoss er 14 Ingenieurstudentinnen und schrie: "Ihr seid Feministinnenpack. Ich hasse Feministinnen!" Am Schluss tötete er sich selbst. Der Sohn einer Kanadierin und eines Algeriers war ein arbeitsloser Elektriker, der nicht an der Ingenieurschule angenommen worden war.

Auch der Jugendliche Tim K. scheint in der Tat als Mann verunsichert gewesen zu sein. Doch es gibt keine Anzeichen dafür, dass es ihm an männlichen Vorbildern mangelte. Im Gegenteil, sein Vater inszeniert sich offensichtlich als Heman: Er gilt als "Waffennarr", ist Mitglied des örtlichen Schützenvereins, besitzt insgesamt 15 Waffen, und in seinem Waffenschrank fand die Polizei 4600 (!) Patronen. Der Sohn, der häufig mit dem Vater Schießübungen machte, entwendete die 15. Waffe, die unverschlossen im Schlafzimmer lag, und Hunderte von Patronen dazu.

Tim K. soll "Depressionen" gehabt haben. Wir alle kennen depressive Frauen. Morden sie? Nein, höchstens sich selbst.

Es ist keineswegs eine Überraschung, dass der unauffällige Tim K. Porno- und Gewaltvideos konsumiert und täglich Stunden im Internet gesurft haben soll. Seit er das tat, soll er sich verändert haben. Vielleicht sollte also statt über seine früheren Lehrerinnen eher über sein heutiges Parallelleben in einer virtuellen Welt voller gewalttätiger Helden nachgedacht werden?

Schon im Frühling 2007 schlug der Münchner Neuropsychologe Henner Ertel Alarm. Sein Institut für rationelle Psychologie macht seit 30 Jahren Langzeitstudien zu den Auswirkungen von Pornografie. Bei der Auswertung der Daten aus den letzten 20 Jahren stellten die WissenschaftlerInnen "eine dramatische Entwicklung in den letzten fünf Jahren" fest: "Was da auf unsere Gesellschaft zukommt, ist das Grauen." Die Psychologen registrierten veränderte Verhaltensweisen: "Gewalt ist heute ein legitimes Mittel, Ansprüche durchzusetzen." Es gebe auch Veränderungen im Gehirn: "Das Gehirn passt seine Verarbeitungsstrategien an und schützt sich gegen die Flut von Gewalt und Pornografie durch Abstumpfung." Ertel weiter: "Emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit haben bei den Jugendlichen enorm abgenommen. Sexualität ist heute für die Mehrheit der jungen Männer, aber auch für viele junge Frauen unlösbar mit Gewalt verknüpft."

In quasi allen Fällen von Männergewalt in Friedenszeiten spielt der Männlichkeitswahn - also die verunsicherte Männlichkeit, verbunden mit einem Größenwahn - eine zentrale Rolle. Die männlichen Allmachts- und Todesfantasien sind das Dynamit. Da kann eine - vermeintliche - Kränkung durch eine Frau (wie zum Beispiel eine Zurückweisung) leicht zum auslösenden Funken werden.

Diese Jungen sind wandelnde Zeitbomben. Und es ist zu befürchten, dass Tim K. aus dem Eigenheim in der idyllischen schwäbischen Kleinstadt nicht der letzte Amokläufer war. Wie aber können potenzielle Opfer in Zukunft geschützt werden, vor allem: Wie kann verhindert werden, dass diese "Verlierer" zu Verbrechern werden? Ganz sicher nicht durch ein Mehr an Männlichkeit, wie Professor Lenzen es fordert, sondern nur durch das Gegenteil: durch ein Mehr an Menschlichkeit!

Auf der ersten Pressekonferenz nach der Tat erhob ein hilfloser Polizeichef die Forderung nach Einlass-Chips für Schulen. Er scheint immer noch nicht verstanden zu haben, dass das Böse nicht von draußen kommt. Es ist unter uns. Es sind unsere eigenen Söhne, Nachbarn und Mitschüler, die zu Vergewaltigern und Mördern werden.

Wir können uns vor diesen ausrastenden Jungen nicht schützen. Wir können sie nur vor sich selbst schützen. Das Rezept dazu heißt: aufmerksame, zugewandte Eltern und LehrerInnen, mehr Psychologen und Sozialarbeiter in Schulen und Jugendhäusern - sowie eine Erziehung nicht etwa zum Selbstmitleid und zur "Männlichkeit", sondern zur Mitleidensfähigkeit und Menschlichkeit.

Doch vor dem ersten Schritt zur Änderung der Verhältnisse muss die Bereitschaft stehen, die Wurzeln des Übels zu erkennen. Und sie endlich auch zu benennen!

Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem

[Online-Schule, 12.03.09]
 
Die großen Verlierer im deutschen Bildungssystem sind die Jungen. Laut einer Studie des Aktionsrats Bildung verstärkt sich der Bildungs- und Leistungsrückstand der Jungen zunehmend. Vor allem in Ostdeutschland ist die Benachteiligung der Jungen am größten.
 
Jungen werden nach einer Studie des Aktionsrats Bildung in Kindergarten und Schule massiv benachteiligt. Nicht mehr die Mädchen, sondern die „Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem", sagte der Ratsvorsitzende und Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, am Donnerstag in München. Statt auszugleichen, verstärke die Schule den Bildungs- und Leistungsrückstand der Jungen. Am schlimmsten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern.
 
„Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert", kritisierte Lenzen. „Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen." Auch bei den Abiturienten seien die Mädchen ebenso klar in der Mehrheit. Die einstige „Bildungsbenachteiligung des katholischen Arbeitermädchens vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", sagte Lenzen.
 
Der Dortmunder Professor Wilfried Bos sagte: „Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert."
 
Das Risiko für Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, sei am größten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das fange schon im Kindergarten an, wo der Anteil der männlichen Erzieher unter drei Prozent liege. Auch bei den Abiturienten ist der Anteil der Jungen in Rheinland-Pfalz und in diesen vier Ländern am größten. Am geringsten seien die Geschlechterunterschiede bei Bildung in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin.
 
Mehr männliche Kindergärtner gefordert
 
Um Jungen besser zu fördern, müssten Männer als Kindergärtner und Grundschullehrer bevorzugt eingestellt werden, forderte der Aktionsrat. Während deutsche Lehrer Spitzenlöhne bekämen, würden Kindergärtner unterbezahlt.
 
Der Initiator des Aktionsrats und Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Randolf Rodenstock, sagte, die Bildungs-Ungleichheit „überschreitet die Grenzen des rechtlich und moralisch Hinnehmbaren". Dass zweimal so viele Jungen wie Mädchen keinen Schulabschluss schafften und nur ein Fünftel der Jungen das Abitur machten, könne sich das alternde Deutschland nicht mehr leisten.
 
Lenzen bezeichnete die Benachteiligung von Jungen in der Schule sogar als eine mögliche Ursache des Amoklaufs von Winnenden. Es sei bemerkenswert, dass die meisten Opfer von Tim K. Mädchen und Lehrerinnen und dass die meisten Amokläufer Jungen sind. „Das Bildungssystem schafft es nicht, Jungen in den Zustand psychischer Ausgeglichenheit zu versetzen, der solche Taten ausschließt", sagte der Professor. „An den Auswüchsen sieht man, was an Problemen im System entstehen können."

Schulen benachteiligen Jungen massiv


[Der Spiegel, 12.03.2009]
 
Das Schulsystem produziert haufenweise Verlierer - die Mehrheit ist männlich. Schon im Kindergarten werden Mädchen deutlich bevorzugt, auch in der Schule müssen Jungs um Aufmerksamkeit und gute Noten kämpfen. Ursache des Problems: Kitas und Grundschulen sind fest in weiblicher Hand.
 
Dumme Jungen, schlaue Mädchen? Der oberflächliche Blick auf die Schulnoten führte zu diesem lange gepflegten Vorurteil. Eine neue Studie des Aktionsrates Bildung bestätigt aber, dass der Grund für die Zensurenlücke ein anderer ist: Jungen werden in Kindergarten und Schule massiv benachteiligt.


Nicht mehr die Mädchen, sondern die "Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem", sagt der Ratsvorsitzende und Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen. Statt auszugleichen, verstärke die Schule den Bildungs- und Leistungsrückstand der Jungen. Am schlimmsten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern.

"Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert", kritisierte Lenzen. "Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen." Bei den Abiturienten seien die Mädchen wiederum klar in der Mehrheit. Die einstige "Bildungsbenachteiligung des katholischen Arbeitermädchens vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", sagte Lenzen.

Damit bestätigt der Aktionsrat Bildung ein Ergebnis, zu dem auch eine Untersuchung des Bundesbildungsministeriums vor gut einem Jahr gekommen war. Tenor: In der Grundschule sehen sich Jungen einer weiblichen Übermacht an Lehrkräften gegenüber - und werden von den Lehrerinnen häufig benachteiligt. Der Hallenser Bildungsforscher Jürgen Budde kam in dem Bericht zu dem Schluss, dass Jungen in allen Fächern bei gleicher Kompetenz schlechtere Noten kriegen als ihre Mitschülerinnen. Selbst wenn sie die gleichen Noten haben wie Mädchen, empfehlen die Lehrer ihnen seltener das Gymnasium. Kurzum, Jungs werden bei gleicher Leistung schlechter behandelt.

Weil der Schulabschluss die gesamte Erwerbsbiografie beeinflusst, sind junge Männer deutlich häufiger arbeitslos als junge Frauen - damit wird aus einem individuellen Problem, auch ein gesellschaftlicher Missstand.

Der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos sagte: "Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert." Das Risiko für Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, sei am größten in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das fange schon im Kindergarten an, wo der Anteil der männlichen Erzieher unter drei Prozent liege. Am geringsten seien die Geschlechterunterschiede bei Bildung in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin.

Dürfen Jungen nicht mehr Jungen sein?

Jungen haben laut Lenzen oftmals gar nicht die Chance, eine ausgereifte Geschlechtsidentität zu bilden, da sie im Kindergarten und in der Grundschule meist mit Erzieherinnen und Lehrerinnen konfrontiert seien. In keinem Bundesland liegt der Anteil männlicher Erzieher in den Kindertagesstätten bei mehr als zehn Prozent.

Die Ergebnisse sind Teil des Jahresgutachtens des Aktionsrats Bildung unter dem Titel "Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem". Zum Aktionsrat gehören neben FU-Präsident Lenzen und Wilfried Bos noch einige weitere namhafte Bildungsforscher, darunter der Koordinator der deutschen Pisa-Studie Manfred Prenzel.

Auch der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, Max Schmidt, betonte: "Sowohl in der Grundschule, aber auch während der Pubertät, ist es wichtig, dass Jungen und Mädchen in männlichen und weiblichen Lehrkräften positive Rollenvorbilder erleben." Das zunehmende Verschwinden von Männern aus den Schulen erschwere gerade den Jungen die Auseinandersetzung mit der eigenen Rollenidentität.

Der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Randolf Rodenstock, warnte angesichts der vielen männlichen Schulabgänger ohne Abschluss, man könne es sich nicht leisten, so viele junge Männer auf dem Bildungsweg zu verlieren. Langfristig steuere Deutschland auf einen Arbeitskräftemangel zu, der durch die aktuelle wirtschaftliche Lage nur verzögert werde. Der von der vbw initiierte Aktionsrat Bildung fordert daher, dass das pädagogische Personal in seiner geschlechterspezifischen Kompetenz geschult werden müsse.

cht, AP/ddp

Schule ist nichts für Jungs


[Online Schule, 12.03.09]

Jungen ecken in der Schule öfter an oder scheitern. Mädchen werden bei gleichen Leistungen besser benotet, behaupten Wissenschaftler. Wer ist schuld an der Bildungsmisere der Jungs?
 
Von FOCUS-SCHULE-Redakteurin Andrea Hennis

Mädchen haben eher ein angepasstes, Jungen ein angespanntes Verhältnis zur Schule. Während Mädchen vorwiegend mit erfreulichen Noten und guten Bildungsabschlüsse glänzen, schlagen sich Jungen verstärkt mit Disziplinarmaßnahmen und Versetzungsvermerken herum. Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: Förderschüler, Hauptschüler, Schulabbrecher und Sitzenbleiber sind mehrheitlich Jungs. Wird es nicht langsam Zeit, die Förderprojekte für Mädchen einzustellen und dafür lieber dem männlichen Geschlecht auf die Sprünge zu helfen?

Tatsächlich haben sich Bildungsforscher und Erziehungswissenschaftler in den letzten Jahren zunehmend Gedanken gemacht, warum und woran Jungen in der Schule scheitern. Die jüngste Studie kommt vom Aktionsrat Bildung – einem von der Wirtschaft beauftragten Expertengremium –, dessen aktuelles Jahresgutachten „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem" heute in München vorgestellt wird. Auch die Ratgeberliteratur zur Jungenproblematik boomt. An Kritikpunkten mangelt es offenbar nicht.
 
Schlechtere Noten bei gleicher Leistung
 
Jungen und Mädchen würden zwar gemeinsam unterrichtet, aber anders behandelt und unterschiedlich benotet, bemängeln Bildungsforscher. Zwei Drittel ihrer (positiven wie negativen) Aufmerksamkeit widmeten Lehrerinnen und Lehrer den Jungs. Notgedrungen. Die Mädchen würden dafür mit besseren Noten entschädigt. Studien zufolge beträgt der Mädchenbonus für angepassteres Verhalten, aktivere Mitarbeit und „selbstgesteuertes Lernen" bei gleichen Leistungen durchschnittlich eine Note. Keine gute Voraussetzung für Jungen in einem Schulsystem, das Schüler immer noch stark nach Zensuren selektiert.
 
Mädchen sind anders, Jungen auch
 
Dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse haben – zum Beispiel beim Bewegungsdrang, beim Leseverhalten und bei der Mediennutzung –, lässt sich nachweisen. Auch die Reifefenster klaffen vor und während der Pubertät deutlich auseinander. Dennoch würden Jungen und Mädchen in der Schule über einen Kamm geschoren, kritisieren Experten. Sie plädieren dafür, Lehrerinnen und Lehrer für eine geschlechterspezifische Pädagogik zu sensibilisieren. Doch noch weiß niemand so genau, an welchen Punkten diese ansetzen müsste und welche Maßnahmen wirklich greifen.
 
Rheinland-Pfalz lässt derzeit drei Ganztagsgrundschulen in einem Modellversuch auf „Jungentauglichkeit" prüfen. Dort werden verstärkt männliche Ansprechpartner eingesetzt und Unterrichtsmaterialien, räumliche Gegebenheiten, Pausen- und Schulhofgestaltung sowie das Verhalten der Lehrkräfte unter die Lupe genommen. „Ziel dieses Modellversuchs ist es, Strategien und Konzepte zu identifizieren, die dann in der Primarstufe insgesamt eingesetzt werden können", formulierte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen beim Projektstart.
 
Männer sind beruflich erfolgreicher
 
Ein kleiner Trost: Nach der Schule wird alles anders. Karriere ist nach wie vor Männersache, und auch beim Geldverdienen haben die Männer die Nase vorn. Nicht zuletzt deshalb, weil sich junge Frauen trotz guter Bildungsabschlüsse oft für weniger lukrative und erfolgversprechende Ausbildungs- und Studiengänge entscheiden. Zu diesen zählen übrigens auch Erzieher(in) und Grundschullehrer(in) mit niedrigem Gehalt, wenig gesellschaftlicher Anerkennung und fehlenden Aufstiegschancen. Der Frauenanteil bei den Grundschullehrkräften liegt bundesweit bei 86,9 Prozent, berichtet der Aktionsrat Bildung. Wobei Jungen weibliche Lehrkräfte grundsätzlich schlechter akzeptierten als männliche.

Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem (2009)

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